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Madras Special
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Ramesh Shothams reisende Rhythmen

Wer Ramesh Shotham auf der Bühne beobachtet, jenen freundlichen, kahlköpfigen, in sich ruhenden, indischen Percussionisten, wie er an der Seite von Rabih Abou Khalil, Steve Coleman, Charlie Mariano, Sigi Schwab, Carla Bley oder anderen Jazz und Weltmusikgrößen filigrane Patterns webt, wird kaum ahnen, dass seine Karriere als Rockgitarrist begann.
Ramesh Shotham: »Auf der Highschool habe ich angefangen Gitarre zu spielen. Die Beatles und Stones waren unsere Vorbilder, als mein Bruder und ich eine Kapelle gründeten. Dafür habe ich mich auch mit dem Schlagzeug beschäftigt, zuerst als Autodidakt. Später dann haben wir viele Leute getroffen, die auf der Suche waren - Hippies und Freaks, darunter auch Rock- und Pop-Musiker von denen wir einiges lernen konnten. Als dann in Amerika und Europa indische Musik bekannt wurde, gab es auch für uns einen Wendepunkt, zurück zu den Wurzeln. Da ging es los mit Tabla und Sitar, erst einmal total oberflächlich, bis ich verstand, dass ich die Möglichkeit hatte, direkt was von zu Hause mitzunehmen. Mitte der 70-er habe ich die Tavil entdeckt und beschlossen, diese Trommel richtig zu studieren.«
Sein Geld verdiente er währenddessen als Schlagzeuger in Rockbands und in den Filmstudios von Madras, wo für gutes Geld im Schichtdienst Songs und Soundtracks eingespielt wurden. Der indische Film war damals auch dank seiner eingängigen Musik vom Balkan bis nach Westafrika sehr erfolgreich. Die Jugend des Westens hielt sich hingegen an indische Mystik und meditative Klänge. Als Mitglied des Karnataka College of Percussion lernte Shotham Ende der 70-er Jahre die deutschen Ethno-Pioniere Embryo kennen. »Das Treffen mit Embryo hat mein Bild erweitert, als Musiker zu arbeiten. Beim Karnataka College of Percussion hatte ich fortan die Rolle des Katalysten zwischen rein indisch ausgebildeten Musikern und Leuten wie Charlie Mariano, die mit dem Jazz und Europäischer Musik vertraut waren. Mir gefiel die Aufgabe, musikalische Sprachen zu übersetzen, Lösungen zu finden, unterschiedlichen Konzepte zusammen zu bringen.« Der Begriff Karnataka steht übrigens nicht nur für den südindischen Bundesstaat, sondern auch für das historische Südindien insgesamt, dass anders als das stark von persisch-islamischer Herrschaft geprägte Nordindien, sich sehr direkt auf die Wurzeln  der antiken Drawidischen Kultur bezieht, deren religiöse »Vedische Lieder« als Grundlage einer sehr reichen Musikgeschichte gelten. Als Gründer der Karnatischen Klassik gilt Thyagaraja der seit Anfang des 19-ten Jahrunderts unzählige Kompositionen schuf, von denen heute noch gut 800 bekannt sind. Während er eher als Inspirationstyp galt, ist sein Nachfolger Dikshitar für seine mathematisch-intelektuellen Kompositionen berühmt. »Diese Basis, durch Mathematik Rhythmen zu kalkulieren, spielt in der Improvisierten Musik heute eine riesen Rolle und macht für viele internationale Jazzvirtuosen den Reiz der Auseinandersetzung mit Südindischen Musik aus.«
Für Ramesh Shotham war die Hinwendung zur traditionellen karnatischen Handtrommel Tavil zugleich der Schlüssel zur weiten Welt, die er seither mit wechselnden Ensembles bereist. Dass er mit seiner Familie seit zwölf Jahren in Köln heimisch geworden ist, hat auch praktische Gründe. Zum Beispiel weil Köln sehr zentral liegt - Paris, Berlin, Amsterdam, Brüssel, München... - ist alles gut zu erreichen. Zudem fühlen er und seine Familie sich auch sehr wohl hier. »Die Leute sind hier bodenständiger und offenener als in anderen deutschen Großstädten. Eine Taxifahrt ist jedesmal ein tolles Erlebnis, man kommt sofort ins Gespräch.«
Ganz offensichtlich sitzt mir in der schlichten, hübschen Südstadt-Wohnung ein rundum zufriedener Künstler gegenüber, der viele seiner Jugendträume erfüllen konnte: Reisen, Lernen, mit großen Musikern zusammenzuarbeiten. ? Oder gibt es doch etwas, das er in Köln vermisst. »Ja das indische Essen bestimmt, aber ich werde immer besser als Koch. Ansonsten haben wir unseren Lebensstil nicht sehr geändert. Schon bevor ich vor zwanzig Jahren nach Europa gekommen bin habe ich mich als Weltbürger verstanden. Es gibt Dinge die ich geniesse und Sachen die mir stinken, aber das gilt für beide Seiten.« Ansonsten hält er musikalisch Kontakt zur alten Heimat, zuletzt mit seinem eigenen Trio »Madras Special« für das er sich mit den Bassisten Dave King und den ungarischen Geiger Zoltan Lantos ausgewählt hat. Nachdem man bereits durch Südindien gereist ist wird das Projekt in diesem Sommer ins Topaz-Studio gehen, um seine erste CD einzuspielen. Nach über hundert CDs an denen Shotham als Musiker beteiligt war, wird dies seine Premiere als Label-Chef sein. Denn seit Anfang des Jahres hat er gemeinsam mit seiner Frau Alexandra das niederländische Keytone-Label von Chris Hinze übernommen und die Permission Music Production gegründet. Basierend auf einem weltweiten Vertriebsnetz geht es jetzt daran eine eigene Linie zu kreieren, die natürlich in der Kontinuität Shothams künstlerischer Entwicklung liegen wird:
»Weltmusik aus meiner Sicht hat mit der Herkunft, den Wurzeln, der Kindheit zu tun, aber auch mit den weiteren Erfahrungen eines Musikerlebens. Das ist eine On-going-, eine Lebensarbeit. Ich kenne viele Kollegen, die aus verschiedenen Ländern nach Europa gekommen sind und hier eine ganz persönliche musikalische Ästhetik entwickelt haben, die irgendwie frisch ist, die etwas Eigenes, etwas Neues darstellt. Für diese Künstler wollen wir uns einsetzen.«
Starten soll die ambitionierte Reihe mit der mongolischen Sängerin »Urna«, einer gefeierten Vertreterin der neuen Weltmusik, die nicht mehr auf Exotisches reduziert sondern Raum für individuelle Interpretationen weitgereister Weltbürger läßt.
Jan Ü. Krauthäuser
Die erwähnten CDs von Urna und Madras Special erscheinen im Herbst bei permision music production.
Einen guten Eindruck von der Spannbreite Ramesh Shothams Trommelkunst bekommt man z.B. auf:
Rabih Abou Khalil: »Blue Camel«
Steve Coleman: »Myths, Mods, Means«
Karnataka College of Percussion: »Kiran«
Schäl Sick Brass Band »Majnoun«
Siebert, Frey, Shotham »Tri«